Dienstag, 9. März 2010
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Der Berliner Szenemensch
Ein neuer Sturm weht über das Land. Er heisst „Langweile in der Rest-BRD“ und spült täglich Teenager und Tweens an die kantige Küste der Hauptstadt. Überheblich und voller Lebenslust raffen sie sich auf und ziehen ihre schicksten Klamotten an, um sich mit dem Einheimischen (also dem, der letztes Jahr hierhergezogen ist) anzufreunden.

Nur um dann festzustellen, dass Berlin nicht Schnackenburg ist und selbst die langweiligsten Menschen hier in Coolness gebadet wurden. Was die Zugezogenen nicht wissen: Der Kampf um den Platz an der Spitze der Szene ist härter umkämpft als die letzte leere Bierflasche Samstagnachts am Kotti. Das regelfreie Berlin hat also doch bestimmte Grundsätze, zumindest, wenn man in der „It-Crowd“ sein möchte. Aber nicht verzweifeln. Auch du kannst cool sein. Frischfleisch aufpassen, hier kommt der Lehrgang zum Berliner Szenemenschen:

Outfit: Unbedingt, und zu aller erst, muss ein Jutebeutel angeschafft werden. Nein, nicht die von gängigen Supermärkten, sondern einer, der schon mindestens 10 Jahre alt ist und einen obskuren 90er Jahre Aufdruck (sehr beliebt ist „Der grüne Punkt“) hat. Je seltener und älter der Jutebeutel, desto besser. Er dient Männern und Frauen gleichermaßen als Handtasche oder Biertransport. Der Jutebeutel ergänzt den Billg-Look und ersetzt das Motto-T-Shirt der frühen 2000er. Der Jutebeutel ist ein nicht zu unterschätzendes Statussymbol.

Frauen und Männer decken sich mit Röhrenjeans und Leggins von American Apparel ein, dem einzigen Laden, in dem noch von der Stange eingekauft werden darf. Keine Angst, liebe Moppelchen, wenn ihr nicht in die „One Size Fits All“ Strumpfhosen passt; diese Textilien, die in ihrem Ursprungsland für Kik-Preise verkauft werden, sind so teuer, dass sowieso nicht viel Kleingeld für Essen übrig bleibt.

Zusätzliche Accessoire werden ausschließlich in kleinen Boutiquen, auf dem Mauerpark-Flohmarkt oder in Second Hand Läden besorgt, darunter riesige Sonnenbrillen, die das ganze Gesicht verdecken, und am besten auch einen alten Gameboy mit dem Spiel „Tetris“. Empfohlen sind ironisch getragene T-Shirts, also eigentlich völlig inaktzeptable Motive (Tribals, Three Wolf Moon, Micky Maus). Sehr wichtig, und zu jeder Jahreszeit getragen: ein Schal, der mit einem kleinen Schwung um den Hals gewickelt wurde.

Location: Um authentisch zu wirken, sollte man nicht dem Pfad der Studenten folgen und die eingerannten und mittlerweile völlig überteurten Pseudo-Szeneviertel Friedrichshain und Kreuzberg aufsuchen. Besser ist es, Viertel auszuwählen, die noch keinen Stempel außer „dreckig und billig“ tragen. Perfekt eignet sich dafür zur Zeit der Norden Neuköllns sowie der Wedding, der zwar härter ist, aber keinen Ost-Charme besitzt.

Sobald man sich für einen Stadtteil entschieden hat, der zum nächsten Szeneviertel werden soll, muss man sich auch die passende Wohnung suchen. Idealerweise dritter Stock mit unverbautem Ausblick auf den Fernsehturm, Altbauwohnung mit hohen Decken und Dielenboden. Die Zimmer müssen spärlich möbiliert bleiben, um spontanen Parties den Freigang zu lassen, der notwendig ist. Optimal ist das Zimmer mit einer Matratze, einem (alten, vom Antikmarkt gekauften) Kleiderschrank und einem Mac und Bose-Lautsprechern ausgerüstet. Wer Ikea kauft hat schon verloren, da es sich hier um Massenanfertigungen handelt.

Popkultur: Anfängern sollte davon abgeraten werden, sich in Diskussionen über Popkultur einzubringen. Gute Musik und gute Filme werden nach ihrem Bekanntheitsgrad ausgewählt, daher sollte man sich angewöhnen, bei neuen Songs oder Bands erst einmal zu schauen, wie viele Plays sie bei Last.FM schon haben. Bands, die unter 500 Mal gespielt wurden oder nur 20-50 Hörer haben, können gerne erwähnt werden.

Bei Filmen verhält es sich ähnlich, doch können bestimmte sich Themenfelder darüber hinwegsetzen. Das gilt vor allem für Filme, die sich mit Drogen, realistischer Gewalt oder tatsächlichen Begebenheiten beschäftigen.

Als Faustregel gilt: je älter, desto besser. In der Musik heisst das vor allem „britische The-Bands“, also The Cure, The Smiths, The Clash oder Old School Authentic Hip Hop wie NWA und die Beastie Boys. Auch immer funktioniert Animal Collective. Keiner weiß, wieso.

Bücher sind die einzige Möglichkeit, gebildet zu wirken, da jedes Gespräch zu Arbeit (sofern man eine hat) oder Studium (sofern man überhaupt noch hingeht) als uninteressanter Spießer-Small-Talk abgewertet werden. Daher sollten vor allem Nietzsche und Kerouac gelesen und zitiert werden. Als leichte Kost gelten die „alten“ Sachen von Chuck Palahniuk. Also alles außer Fight Club.



Party: Nicht lächeln! Ein latent gelangweilter Gesichtsausdruck mit einem halb-arroganten Blick ist absolut kritisch, um zu überzeugen. Die Musik auf einer Party muss immer als schlecht bewertet werden. Wenn es sich um Animal Collective handelt, muss mindestens „der Sound“ oder „die Soundanlage“, abgekürzt auch „Anlage“ als schlecht hervorgehoben werden.

Anders, als man es noch in der Schule im Heimatdorf gelernt hat, ist Ziel der Party nicht, Konversation zu führen, sondern besonders oft fotografiert zu werden. Strikt untersagt sind Kameras aus der gewöhnlichen Produktion. Hier das Ranking der zu benutzenden Apparate, angefangen mit dem beliebtesten Gerät um Coolness zu demonstrieren:

•(originale) Polaroidkamera
•Analoge Spiegelreflexkamera
•Analoge Wegwerfkamera (in bunter Farbe)
•Digitale Spiegelreflexkamera
•iPhone Handykamera
•„Digi-Cam“
•Handykamera


Wichtig ist es, dass man auf den Bildern gelangweilt, lethargisch und atemberaubend gut aussieht. Auf Parties sollte man deshalb immer mindestens ein Oberteil (für Männer besonders empfohlen ein „V-Neck“) von American Apparel tragen. Jutebeutel (mit Sterni-Bier oder Club Mate, da authentischer) nicht vergessen. Man sollte davon absehen, mit Freunden für ein Bild zu posieren, da man weder Freunde haben noch Enthusiasmus zeigen sollte. Spaß ist verboten.

Niemals, unter keinerlei Umständen, darf getanzt oder gar mitgesungen werden. Auch Sport Bars oder Locations, von denen Touristen potenziell erfahren könnten, sind verpönt. Veranstaltungen sollten meist in seltsamen Spelunken statt finden, auf keinen Fall aber in trendigen Szenebars, um Originalität zu demonstrieren. Sobald eine Party mit Flyern beworben wird, lohnt es sich nicht mehr hinzugehen. Doch egal, unter welchen Umständen, die Nacht muss dennoch von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang verbracht werden, um Standkraft und auch Langweile beweisen zu können.

Job: Der Szenemensch in Berlin hat im Bestfall keinen Job, sondern wird von Mami und Papi unterstützt. Er rebelliert gegen diese Großzügigkeit, indem er sich keinen Audi A5, sondern ein Fixie mit ähnlichem Preis kauft. Selten kommt es vor, dass man trotzdem arbeiten muss. Schafft man es als DJ, Model oder Digital Bohème, hat man alles richtig gemacht. Im Zweifelsfall in schäbigen Kneipen barkeepern.

Das Bildungs- und Lebensziel sollte auf jeden Fall der Höhepunkt des Hedonismus sein.

Wer dieses Fundament wahrt, kann nichts mehr falsch machen. Für die kleinen Tücken des Alltags und Anfängerfehler hier eine abschließende Liste mit kleinen Pro-Tipps:

•Converse, auch bekannt als „Chucks“, sind nicht alternativ und auch nicht cool. Dreckige Turnschuhe? Ja. Chucks? Nein. Sogar deine kleine Schwester trägt Chucks. Du bist jetzt in Berlin!
•Niemals, niemals, niemals, darf man sich selbst als „Hipster“ oder „Scenester“ bezeichnen. Hipster müssen für den krampfhaften Versuch, „cool“ oder „in“ sein zu wollen, verachtet und verurteilt werden, da jeder Versuch auf das Defizit in ihrer Authentizität hinweist.
•Wer nicht magersüchtig ist, aber mindestens eine Modelfigur hat, sollte es lieber mit Emo oder Punk versuchen.
•Auf Nachrichten, egal ob über Facebook oder per SMS, darf erst einige Stunden, vielleicht auch Tage später geantwortet werden. So vermittelt man, dass man beschäftigt ist, wahrscheinlich mit einer spannenden Party oder einer interessanten Ausstellung.
•Kaffee nicht von der Stange, sondern handgebrüht vom Herd oder einen starken, „echt italienischen“ Espresso, der Speiseröhre und Magenboden völlig vernichtet. Zum Frühstück gibt es prinzipiell höchstens eine selbstgedrehte Zigarette.
•Fahrräder sollten alt sein, bestmöglich Fixies ohne Gangschaltung, Bonuspunkte gibt es wenn auch die Bremsen nicht funktionieren.
•Menschen mit Handygürteln müssen auf der Stelle gepiesackt und gehänselt werden.
•Nach einer gewissen Warmlaufphase sollte man sich an die Klamotte der 80er Jahre orientieren. Schrille, neon-bunte Kleider für Frauen und kurze Sport-Shorts für Männer (inklusive Stirnband) sind sehr beliebte Accessoires für die, die schon eine höhere Stufe erreicht haben.
•Männer sind damit beraten, immer ein rot-schwarz kariertes Flanell-Hemd zur Hand zu haben und unrasiert zu bleiben.
•Der Prenzlauer Berg, auch „P-Berg“ oder „Schwabenviertel“ genannt, ist kein geduldetes Szene-Viertel sondern die Ausgeburt an Spießertum. Prenzlauer Berg is the new Charlottenburg, daher sollte man nur für große Ausnahmen diese Gegend aufsuchen.


Sollten all diese wichtigen Punkte berücksichtigt worden sein, sehe ich keine Probleme in den richtigen Berliner Einstieg. Merke: alles ist ironisch gemeint. Und wenn man etwas mal gut finden sollte, dann findet man es eigentlich schlecht. Und andersherum.
Sara Chahrrour / Quelle: www.spreeblick.com

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